Die Schladzla auf der Gubel

Zwischen Leutendorf und Mödlitz erhebt sich die Gubel hoch über dem Wiesengrund. Oben auf der Höhe kann man in dem Kalkfelsen zwei kleine Höhlen sehen, die von altersher die Schladzleslöcher heißen. Darin hausten vor langer Zeit die Schladzla, menschenähnliche Zwerge. Niemand hat sie je gesehen. Zuweilen bemerkten die Bauern klipperkleine Fußstapfen im aufgeweichten Ackerboden oder ein Viehhirt hörte auf der Höhe leise, menschenähnliche Laute. Ging man den Fußspuren nach, endeten sie jedesmal bei den Höhlen. Bei Tage war alles still auf dem Berge, auch in den hellen Mondnächten. Das Licht schienen die Schladzla zu fürchten. Nur zur Zeit des Neumondes, wenn Wald und Flur in stockdunkler Nacht nicht mehr zu erkennen waren, trappte und stapfte es allerorten.

In Leutendorf war ein Ferkel verschwunden, in Horb ein Hahn, in Schneckenlohe ein Häschen und in Hof drei junge Enten. Die Bauern stellten Nachtwachen auf. Das half für einige Zeit. Als aber die Wachen nachlässiger wurden, begann das Stehlen wieder und schlimmer als je zuvor. Jetzt wurden auch die Ähren in den Kornfeldern ausgeriffelt, der Hafer gestrüpft und die Erbsenschoten ausgekerfelt. Vielleicht hätte man das alles hingenommen, wenn nicht eines Morgens das neugeborene Kindlein im Schulzenhaus in Neuensorg aus der Wiege verschwunden wäre. Der Schulz trommelte das ganze Dorf zusammen und nach einigem Suchen fand man die klipperkleinen Fußstapfen, die vom Schulzenhaus gleich in den Wald hinauf zur Gubel führten. Am nächsten Tag versammelten sich alle Bauern der Gegend vor den Höhlen, türmten einen Riesenhaufen dürren Reisigs vor die Höhlentore, und bald loderte weithin sichtbar der Brand.

Mit Mann und Maus sollten die Schladzla ausgeräuchert werden. Zum Schluss stopften die Bauern noch die glühenden Kohlen in die Eingänge und schleppten Steine herbei, die Höhlen zu verstopfen. In derselben Nacht hörten einige Mutige, die sich auf den Hang schlichen, im Berg ein Rumoren, ein Stöhnen und Gejammer. Am nächsten Morgen waren alle Steine vor den Eingängen weggeräumt und weithin verstreut. Ein tiefer, breiter Pfad führte bis hinunter an die Steinach, wo er sich im Talgrund verlor. Seit dieser Zeit hatten die Bauern Ruhe vor den Schladzla.